Angler Bernd Richters auf dem Angelkutter „Christa“

Angler Bernd Richters zeigt auf der „Christa“, wie ein Könner an Bord auch unter ungünstigen Umständen mehr fängt als andere

Angler Bernd Richters auf der „Christa“ das Dorsch-Pillen auf der Ostsee bei Heiligenhafen ist eine beliebte Angelart

Angler Bernd Richters auf der „Christa"

Dichtgedrängt stehen die Pilkangler an der Reling der „Christa“. Darunter sind viele Freizeitfischer, die ihren Ostseeurlaub nutzen, um vom Boot aus im Meer zu angeln.

Die Möwen haben den rückkehrenden Angelkutter bis in den Hafen begleitet. Kreischend balgen sie sich um die Schlachtabfälle, die von der „Christa“ ins Wasser fliegen. Die Möwen in der glühenden Nachmittagssonne zeigen deutlich, welches Schiff am erfolgreichsten war. Hunderte sind es bei der „Christa“; bei anderen Schiffen nur Dutzende. Blenden wir zwölf Stunden mitten in die Mainacht zurück.

 

3:30 Uhr Das lange Warten

Die Angeltour beginnt um 3:30 Uhr mit der Ankunft in Heiligenhafen, denn Angler Bernd Richters möchte sich einen guten Platz sichern. Die Neonreklame einer Imbissbude erhellt den Angelkutter am Kai, und Bernd sieht, dass einer von zwei Anglern sich schon den Platz gesichert hat, den er gern hätte: steuerbord vorn „am Polier“. Die Zeremonie ist in Heiligenhafen immer dieselbe.

Der beste Angelkutter, die „Christa“, ist mit 42 Anglern ausgebucht. Ein Schild weist darauf hin. Die Platzverteilung an Bord kann allerdings nicht gebucht werden; wer zuerst kommt, sichert seinen Angelplatz mit dem Anbinden einer Angelrute an die Reling. Angler Bernd Richters bindet seine Angelrute an einem mitgebrachten Schaumstoffpolster hinten am Heck fest.

Angler Bernd Richters auf dem Angelkutter „Christa"

Der 1959 in Hamburg geborene Chemielaborant Angler Bernd Richters angelt seit vielen Jahren; seine Spezialgebiete sind im Meer das Bootsfischen mit Pilker und Naturköder. Sonst fischt er gern auf Aal und Zander. Er angelt rund 500 Stunden im Jahr. Sein schwerster Fisch war ein 23pfündiger Dorsch. 1991 hat er bei den Deutschen Meisterschaften im Bootsfischen den 7. Platz (Naturköder) erreicht.

 

Drei Stunden noch bis zum Auslaufen. Zeit für Kaffee und Klönschnack. Das wichtigste ist der Wind, und der kommt penetrant aus Ost. Das bringt schönes Wetter, aber magere Fangergebnisse. „Es wird verdammt schwer werden“, sagt Angler Bernd Richters. Der Ostwind soll nach der Radiovorhersage noch auf Stärke sechs auffrischen, das gibt hohe Wellen und noch schwierigeres Fischen.

In den letzten Tagen sind bei Ostwind auf der „Christa“ nur knapp 90 Fische gefangen worden. Bei anderen Wetterverhältnissen kann man jetzt Mitte Mai (nach der Laichzeit) mit einem Fangergebnis von 200 bis 400 Dorschen rechnen. Die meisten Fische wurden am Vortag vorn auf „der Back“ am Bug gefangen. Doch Bernd bleibt hinten. „Für einen guten Angler ist der Platz nicht verkehrt“, meint er. Das Selbst-Bewusstsein wird noch von seiner Gute-Laune-Mentalität übertroffen. Wer einen 12 cm langen, rattenschwanzdünnen Nacken-Zopf trägt, kann kein Kind von Traurigkeit sein.

 

6:45 Uhr Stunde der Wahrheit

Auf die Sekunde pünktlich legt die „Christa“ als erstes Angelschiff ab. 42 Angler drängen sich an Bord, während die anderen Schiffe zum Teil mit weniger als 20 Anglern losfahren. Das liegt an „Toni“, dem Kapitän der „Christa“, Anton Rades. Und deshalb wird dieser Bericht auch ein bisschen davon handeln müssen, warum Toni so erfolgreich ist. Doch zurück zu Bernd.

Angler Bernd Richters auf dem Angelkutter „Christa"

Die „Christa“ in den frühen Morgenstunden an der Kaimauer im Heiligenhafener Hafen. Viele der Angler, die gebucht haben, sind schon lange vor Beginn der Tour an Bord gegangen, um sich einen guten Platz zu sichern.

 

7:30 Uhr Aufmontieren

Während der anderthalbstündigen Fahrt zu den Fanggründen montiert Angler Bernd Richters sein ungewöhnliches Gerät. Zum Pilkfischen nimmt er eine Sportex „Turbo Wels“, 3,05 m lang, 260 g leicht, Wurfgewicht: 100 bis 250 g. Das ist kein Spielzeug, sondern erfordert bei stundenlanger Handhabung einen enormen Kraftaufwand. Kein Gerät für einen Durchschnittsangler.

Die Rolle, eine Daiwa „PM 4000 H“ ist mit 1 : 5,1 übersetzt. Das ermöglicht schnellstes Schnureinholen. Bernd fischt mit 35er „Tectan“- Schnur. Als Zweitgerät hat er eine drei Meter lange Sportex „Turbo Sea Spin“ mit, die 80 -150 g Wurfgewicht hat. Diese Rute wäre schon eher für einen ambitionierten Pilk-Fischer geeignet.

 

8:10 Uhr Der Start zum Dorsch

Der Lautsprecher trötet einmal. Es geht los. Schulter an Schulter stehen die Angler und werfen die Pilker aus. Bei wolkenlosem Himmel ein kalter Ostwind mit Stärke drei. Bernd trägt einen dicken Wetter-Overall. Einen halben Meter Wellengang haben wir. Kapitän Toni meldet: „Wassertiefe 14 Meter. Wenig Strömung. Das heißt: weit werfen. Heute sind die Werfer dran.“

Angler Bernd Richters wirft am weitesten. Selbst ein Unterhandwurf bringt leicht 50 m; ein vorsichtiger Überkopfwurf könnte 100 m überschreiten. Die Rute eiert nicht mit einer Halbkreis-Bewegung nach vorn. Vor dem Wurf wird der Pilker bis 15 cm unter die Rutenspitze gelassen; dann wird die Rute nach hinten gezogen. Im Wurf drückt Bernd die „Wels“ mit einer minimalen Kreisbewegung nach vorn und lässt die Kohlefaser werfen. Es ist eben keine eierrunde Bewegung sondern die Wurfhand wird ganz kurz nach vorn gedrückt, wie die Gerade einen Boxers. Bei Castern sieht man so etwas, hier an Bord kaum.

Auch das Pilken (ein Heben und Senken des Pilkers) unterscheidet sich. Angler Bernd Richters lässt nach den Auftreffen des Pilkers auf dem Wasser soviel Schnur nach, bis er mit dem Pilker Grund spürt. Dann reißt er die Rute mit einem abgehakten Doppelzug nach hinten und hält den Pilker etwa einen Meter über dem Grund. Nach dem Zurück-reißen lässt er den Pilker sinken.

Die Anspannung steht ihm ins Gesicht geschrieben, denn meist nimmt der Dorsch den Pilk im Sinken. Die Rutenspitze hat Angler Bernd Richters dem sinkenden Köder nachgeführt, jetzt wird die lose Schnur eingekurbelt. Drei, vier blitzschnelle Drehungen mit der hochübersetzten Rolle. Und wieder wuchtet Angler Bernd Richters mit dem Doppel-Hub die Rute nach hinten. Hier arbeiten zweifellos Gerät und ein (kräftiger) Könner Hand in Hand.

Angler Bernd Richters auf der „Christa"

Stolz hält Angler Bernd Richters seinen zweiten Dorsch hoch. Der Dorsch hat den Pilker im Maul. Während der ganzen Tour hat Bernd nicht einen Fisch gefangen, der von außen gehakt war.

 

 

8:15 Uhr Weiterfahrt

Das Tröten per Lautsprecher heißt: Es geht weiter. Fische wurden beim ersten Stopp nicht gefangen. Angler Bernd Richters überprüft seine Montage. Er hat einen 75-g-Pilker in Silber-Rot gewählt. Der Pilker ist in eine Agraffe gehängt, ein Spezialwirbel, der besonders haltbar ist und nicht beim Aufschlagen des Pilkers (auf Muschelgrund zum Beispiel) wie ein Karabinerwirbel auf-gehen kann. Hochwertige Agraffen werden in der Kilogramm-Klasse angeboten. Angler Bernd Richters fischt Agraffen, die garantiert 25 Kilo tragen. Er sagt: „Ich habe zu viele normale Karabinerwirbel brechen und aufgehen sehen.“

8:20 Uhr „Fisch!“ geht ein Ruf

Toni hat die „Christa“ in die Hohwachter Bucht gesteuert; wir liegen an der Südseite der Fahr-rinne. „Fisch!“ geht ein Ruf, und das ganze Schiff weiß Bescheid. An der Stelle, wo Bernd fischen wollte, ist der erste Dorsch am Pilker. „Gaff!“ geht der Ruf, und Toni wieselt nach vorn. Der erste Fisch wiegt genau 20 Pfund, drei Pfund mehr als der beste Fisch des vergangenen Tages.

Es ist ein dunkel gezeichneter Dorsch, der abgelaicht ist, und dessen Gewicht heute auch nicht annähernd erreicht wird. Glück? Angler Bernd Richters erklärt: „Da vorn, wo der 20pfünder gefangen wurde, hat Toni seine Fischlupe, dort sieht er jeden großen Fisch. Und dann steuert er ganz vorsichtig auf den Fisch zu; wer ihn kriegt, der hat Glück.“ Zwei Minuten später fängt Angler Bernd Richters seinen ersten Dorsch von 45 cm Länge, der den Pilker wie angekündigt im Sinken genommen hat.

 

8:30 Uhr Na bitte!

Wieder hat die „Christa“ ein Stück vorgesetzt. Wieder ersterben nach dem Tröten des Lautsprechers blitzartig alle Gespräche. In die plötzliche Stille frohlockt Bernds Stimme „…und sitzt!“ Es ist ein 56 cm langer Dorsch, der nach zwei-minütigem Drill gegafft werden kann. Über den 20-Pfund-Fisch ärgert sich Bernd nicht. Er hofft, dass die Angeltechnik über das Glück siegen wird.

Fünf Fische, das wäre seiner Meinung nach heute ein gutes Ergebnis. „Es ist verdammt schwer bei dem Ostwind und der geringen Strömung. Der Dorsch ist nicht in Beißlaune; die meisten Dorsche testen höchstens mal.“ Die Windstärke liegt zwischen drei und vier. Es wird wärmer. Angler Bernd Richters zieht den Overall aus und trägt Sonnenschutzcreme (Faktor 12) auf. Mit dem Sonnenöl auf der Stirn erschrickt er: „Ich habe mein Tuch vergessen!“ Angler sind abergläubisch, und Bernd bindet ein rotgemustertes Tuch nach Seeräuberart um seine Stirn.

Angler Bernd Richters auf der „Christa"

Alles schön geordnet. In einem roten Koffer, wie ihn Masseure auf dem Fußballplatz haben, bewahrt Angler Bernd Richters die künstlichen Köder zum Pilk-fischen auf. Oben hat es Platz für die meist-benutzen Pilker, für ein Messer, ein Holz zum Abschlagen der Fische und einen Schleifstein. Die Beifänger-Vorfächer sind mit Nadeln auf Schaumstoffbrettchen festgesteckt.

Angler Bernd Richters auf der „Christa"

Einfach und sicher: Mit Kupferdraht hat Angler Bernd Richters ein Stück Schaumstoff an der Reling befestigt, gegen das er seine Rute lehnt. Das schützt vor Beschädigungen. Der Schaumstoff ist hier im Eifer des Gefechts schon etwas verrutscht.

 

8:40 Uhr Tonis Geheimnisse

Toni hat angekündigt, dass er bis zur nächsten Angelstelle etwas länger fahren wird. Wir nutzen die Gelegenheit zum Besuch auf der Brücke. Warum ist Toni so erfolgreich? Der erste Teil der Antwort ist einfach: Modernste Elektronik überall. Eine Fischlupe zeigt den Ostseegrund und das Wasser 10 m darüber an. Im Gegensatz zu einem einfachen Echolot, das nur die Entfernung zum Meeresgrund misst, kann man mit der Fischlupe die Dorsche sehen. Die Wettermeldungen laufen automatisch über Fax ein. Bordfunk, Telefon, zwei Radargeräte, GPS-Satelliten-Navigation und natürlich alle anderen üblichen Geräte.

Der Kapitänssitz ist eine Art Zahnarztstuhl, von dem aus Toni mit dem rechten Fuß das Steuer anticken kann. Daneben liegt ein leistungsfähiger Taschenrechner griffbereit. Das Herzstück ist ein Notebook, ein zusammenklappbarer Computer mit hoher Speicherkapazität, worin alle Seekarten eingegeben sind. Das Notebook ist an die Satellitennavigation angeschlossen, und das Peilsystem arbeitet auf wenige Meter genau. Auf Knopfdruck liefert der Computer (per Satellitenabgleich) genau die 1000 Quadratmeter Ostseegrund, die in der Karte eingespeichert sind.

Angler Bernd Richters auf der „Christa"

Mit Nadeln, die eigentlich für Pin-Wände gedacht sind, hat Bernd seine Beifänger-Montagen auf einem Stück Gummi befestigt. So kann er schnell das Rig wechseln.

 

Vorfach mit Beifänger

Angler Bernd Richters auf der „Christa"

Hier ist ein fertigmontiertes Vorfach mit Beifänger. Es ist aus 50er Schnur geknotet. Der Springer für den Beifänger ist 13 cm lang, der Rest 42 cm. Unten wird dann der Pilker eingehängt.

 

Nun hat Toni natürlich nicht nur die einfache Seekarte in den Computer eingespeichert, sondern auch die Ergebnisse tausender Angeltouren. Dazu die Wetterbedingungen. „Jetzt, Mitte Mai, geht der Dorsch auf den Muschelgrund, weil die Muscheln beginnen, sich in dem auf neun Grad angewärmten Wasser zu öffnen“, sagt Toni. Er wird also per Sonar und Computer Muschelgrund suchen (die gefangenen Dorsche haben tatsächlich die dunklere Färbung, die sie über dunklem Meeresgrund annehmen).

Der zweite Grund für Tonis Erfolg ist schwieriger zu erklären. Unser Kapitän spürt einfach, wo der Fisch ist. Das Gespür liegt ihm im Blut, und er hat es gelernt. Alles an dem Fischermeister Anton Rades in seinem schwarzen Zahnarztstuhl ist auf Fisch ausgerichtet. Sein Hinweis auf die über 300jährige Seefahrertradition der Rades-Familie gibt wenig Aufschluss.

Toni ist ganz einfach heiß auf Fisch. Und es macht ihm Spaß, mit den Tricks und Finten eines U-Boot-Kommandanten die anderen Schiffe auszustechen. Dazu strahlt der 29jährige eine geradezu südländische Fröhlichkeit und Hilfsbereitschaft aus. Der Kreis schließt sich dann mit den Anglern. Bei Toni wird gut gefangen, die meisten (und die besten) Angler kommen, es wird noch mehr gefangen. Das erklärt den Vorsprung. Die „Christa“ ist auf Jahre hinaus ausgebucht.

Angler Bernd Richters auf der „Christa"

Der Fischfinder ist ein Echolot, das Wassertiefe, Bodenbeschaffenheit und Fische zeigt.

 

8:50 Uhr Neumontage

Die „Christa“ ist zur nördlichen Seite der Fahrrinne gefahren. Angler Bernd Richters montiert einen 100 g schweren Pilker in Rot/Grün, ein Modell, das er heute vorwiegend fischen wird. „Ich brauche jetzt 100 g. Das Wasser ist hier 19 m tief. Und das wichtigste: Ich darf den Kontakt zum Grund nicht verlieren. Ich muss immer spüren, dass an der Schnur etwas hängt. Wenn ich Zuviel Schnur draußen habe, oder bei viel Strömung kann der Kontakt zu Grund plötzlich fehlen.

Wenn dieser 100-g-Pilker nichts bringt, kurbele ich sofort ein und nehme 125 g.“ Die Möglichkeit zum blitzartigen Wechsel ist bei Wettbewerben ganz wichtig, daher auch die schnelle Hightech-Rolle. Wenn Kraut am Pilker hängt und es aussichtslos ist, weiter zu fischen, kann Bernd schnell einholen und das Kraut beseitigen. Angler Bernd Richters ist wie Toni ein Geräte-Fanatiker. Alle Pilker sind auf der Apothekerwaage nachgewogen und mit Gramm-Angaben versehen. Der rot-grüne Pilker hat auf der Flosse die millimeterkleine Aufschrift „100″, so dass das Erscheinungsbild des Kunstköders in keinster Weise getrübt wird.

In diesem Teil der Ostsee setzt Bernd 75-150 g Pilker ein. Im Zweifel greift er zum leichteren Kunstköder. „Pilken, das ist reines Gefühl. Das ist wie mit dem Twister auf Zander. Du musst den Boden spüren, du musst wissen, wo der Pilker ist; einen Meter über Grund, da wird gefangen. Du musst dich in den Pilker reinversetzen. Beispiel: Du spürst das Gewicht des Pilkers, dann lässt du die Ruten sinken, der Pilker sinkt auch. Wenn du nach wenigen Sekunden nicht spürst, wie der Pilker auf den Meeresgrund auf-schlägt, dann hat ein Dorsch gebissen. Und du musst im Sekundenbruchteil anhauen.“

Der rot-grüne Pilker bringt nichts. Angler Bernd Richters baut wieder um. Aus seinem roten Koffer holt er ein vormontiertes Vorfach mit einem Beifänger, auch „Jig“, „Springer“ oder „Biene“ genannt. Beifänger können mehr Erfolg haben als Pilker, weil sie schon bei geringstem Zug verführerisch im Wasser spielen. Angler Bernd Richters entscheidet sich für einen roten Beifänger. Das ist ein Twister mit gelbem Kopf auf einem hartverchromten Spezialhaken. Das Vorfach ist aus 50er Schnur geknotet, der Springer für den Beifänger ist 13 cm lang, der Rest 42 cm. Unten wird dann der Pilker eingehängt. „Langsam musst du damit arbeiten, ganz langsam. Der Pilker darf nicht gerissen werden. Wird der Beifänger zu schnell gezogen, spielt der Wackelschwanz des Twisters nicht mehr.“

Angler Bernd Richters auf der „Christa"

Angler Bernd Richters trägt zum Bootsfischen alte Bundeswehrstiefel, die üppig eingefettet sind. Die Stiefel bieten guten Halt auf den manchmal rutschigen Planken, und sie sind wasserdicht.

 

9:40 Uhr Es wird wärmer

Toni meldet wieder 19 m Wassertiefe. Angler Bernd Richters wirft in die Drift. Einfach ausgedrückt ist die Drift das Gebiet, in das die „Christa“ hineintreiben wird. Angler Bernd Richters will so erreichen, dass das Schiff auf den Pilker zutreibt. Das ist natürlich am Heck (oder Bug) sehr einfach, da kann man wahlweise nach links oder rechts werfen. Je nachdem, wie das Schiff driftet. Der Kapitän schaltet die Schiffsschraube auf „Rückwärts“ bis die „Christa“ keine Fahrt mehr macht. Dann stoppt er die Maschine.

Das Schiff wird nur noch von Wind und Strömung getrieben, es driftet. Die „Christa“ legt sich jetzt meist quer zum Wind. Der kleine Ausflug in die Navigation geht noch weiter, weil man sonst nicht den Erfolg versteht. Die so wichtige Meeresströmung hängt vom Wind und von den Unterwasser-Verhältnissen ab.

Angler Bernd Richters hat es einfach: Er braucht nur den Kopf zu drehen und sieht die Windrichtung an der Backbordflagge. Kommt der Wind von rechts, treibt das Schiff nach links. Angler Bernd Richters wird also nach links werfen, damit sein Pilker auf ihn zutreibt. Würde er entgegengesetzt werfen, würde der Pilker von ihm weggezogen und auftreiben. Wer nun mittschiffs fischt, kann sich die Drift nicht aussuchen.

Angler Bernd Richters auf der „Christa"

Der Heimathafen der „Christa“ ist Heiligenhafen. Von hier aus starten verschiedene Fischkutter zu ihren Angeltouren auf Dorsch in die Ostsee.

Auch deshalb sind die Plätze an Heck und Bug am beliebtesten. Angler Bernd Richters erklärt: „Im Moment würde ich lieber vorn vom Bug aus angeln. Toni hat das Schiff zwar gestoppt, doch statt dass es nur durch den Wind getrieben wird, drückt in dieser Stunde zusätzlich die Strömung auf das Heck, so dass die „Christa“ schräg nach vorn schert. Da ist ein Platz am Bug besser als am Heck.

Die Pilker, die jetzt vorn ins Wasser gehen, sieht der Dorsch zuerst. Wir am Heck angeln über einem Grund, der schon abgegrast ist.“ Doch Angler Bernd Richters betont nochmals, dass ein guter Angler auf jedem Platz fängt. „Außerdem wird Toni schon dafür sorgen, dass auch am Heck gut gefangen wird. Beim nächsten Stopp wird er die „Christa“ um 180 Grad wenden, so dass das Heck vorantreibt.“

 

10:15 Uhr Schnur gerissen

Die Frohnatur Angler Bernd Richters wird noch fröhlicher. Er hat auf seinen Lieblings-Pilker („Langeland“- Pilker, gibt’s fast nur in Dänemark) einen sehr großen Dorsch gehakt. Minutenlang drillt er; die „Wels“ hat eine respektable Biegung. Der Bootsmann mit dem Gaff ist schon da, alle warten auf den Fisch, der sich in der Strömung quergestellt hat. Da sagt es „Zing“, und die Schnur hängt schlaff im Wasser. Angler Bernd Richters bleibt fröhlich, will sich die Enttäuschung nicht anmerken lassen. Das Schnurende wird sorgfältig untersucht.

Nichts ist ausgefranst, was auf eine Beschädigung durch rauen Grund deuten könnte. Die 35er „Tectan“ ist glatt und schräg wie mit dem Rasiermesser durchtrennt. Ein möglicher Grund könne ein vorausgegangener Überschlag des Pilkers sein. Die Spitzen der Drillinge sind von Bernd (immer wieder) so scharf geschliffen worden, dass sie die Schnur bei Berührung anritzen können.

Angler Bernd Richters auf der „Christa"

Anton Rades, genannt „Toni“, ist gelernter Fischermeister und der Besitzer der „Christa“. Tonis Begabung, Fische aufzuspüren, und sein freundliches Wesen haben zu seiner Beliebtheit beigetragen.

 

10:34 In Führung

Angler Bernd Richters konzentriert sich jetzt noch mehr. Er redet kaum. Die Würfe werden auch nicht bis ans Schiff ran ausgefischt. Bernd will mit seinem Pilker dorthin, wo andere nicht fischen (können). Mit den Worten „… und sitzt!“ wird ein 45-cm-Dorsch angekündigt. Damit hat Angler Bernd Richters drei Dorsche, die anderen sieben Angler am Heck haben nichts. In der folgenden halben Stunde fängt Angler Bernd Richters noch einen kleinen Dorsch, dann einen von 62 cm. „Fünf Stück, da bin ich für den heutigen Tag zufrieden“, sagt er.

Auch unter Wettkampfbedingungen würde Angler Bernd Richters vorn liegen. Jeder gefangene maßige Dorsch (über 35 cm) bringt zehn Punkte, und jeder (angefangene) Zentimeter eines Fisches bringt einen Punkt. Das Wetter hat sich jetzt auf Hochsommer eingestellt. Bernd benutzt zum dritten Mal Sonnenschutzcreme. Ein paar Angler, die sich nicht eingecremt haben, sind schon knallrot.

Angler Bernd Richters auf der „Christa"

Ein rot-silberner Pilker ist fertigmontiert und eingehakt. Am Kopf des Pilkers ist die Agraffe zu erkennen. Bernd zieht Agraffen den üblichen Karabiner-Wirbeln vor.

 

11:30 Uhr Die Verfolger

Die „Christa“ wird von einem anderen Angelkutter verfolgt. Auch ein kleines Privatboot hat sich dazugestellt. Angler Bernd Richters experimentiert jetzt. Am Bug sind nicht annährend so viele Fische gefangen worden wie am Heck. Der Wechsel auf einen 125-g-Pilker in Rot/Grün bringt sofort Erfolg: ein 52-cm-Dorsch. Bernd verliert kaum einen Fisch.

Während der ganzen Angeltour hat er nur einen „Aussteiger“ gehakt. Es geht auf Mittag zu. Zeit für die „Schwarze Biene“, ein schwarzer Twister, der als Beifänger gefischt wird. Die Schwarze Biene gehört nach Bernds Meinung zu den besten Ködern in der Mittagszeit. Oft schon hat der Wechsel auf die Biene Er-folg gebracht. Diesmal allerdings nicht. So sehr-sich Bernd anstrengt, es will ihm nichts mehr gelingen. Also runter mit der Biene, denn mit dem Solo-Pilker fischt Bernd am liebsten.

Angler Bernd Richters auf der „Christa"

Bernd macht Pause, lässt sich den Kaffee schmecken. Auf seiner Jacke sind etliche Aufnäher von Vereinen, Angelwettbewerben und anderen Veranstaltungen zu sehen.

 

12:45 Uhr Die Möwen spüren es

In den letzten Minuten fischt Bernd nicht mehr konzentriert. Er denkt an seine sechs Dorsche, die im gleißenden Sonnenlicht stundenlang in der Kiste liegen mussten, nur ab und zu mit einem Eimer Wasser gekühlt. Und natürlich denkt er an den abgerissenen großen Dorsch; in einem unbeherrschten Moment zischt ein Schimpfwort aus ihm heraus. In respektvoller Entfernung lassen sich die ersten Möwen hinter der „Christa“ zu Wasser. Ruhig wie Enten schwimmen sie im Kielwasser, warten auf das Ende der Angeltour. Punkt 13:00 Uhr trötet der Lautsprecher zweimal. Ende.

Angler Bernd Richters auf der „Christa"

Sechs Dorsche hat Bernd gefangen. Sie liegen in einer grünen Fischkiste, die die Angler an Bord erhalten. Bernds Fang ist der beste unter den 42 Anglern an Bord der „Christa“ gewesen.

 

Die Möwen starten zum Sturzflug auf die Schlachtabfälle der Dorsche. Die Angler an Bord der „Christa“ betrachten die Vögel mit gemischten Gefühlen. Einerseits zeigen die 200 Möwen, dass die „Christa“ am meisten gefangen hat (92 Dorsche im Gegensatz zu anderen Schiffen, die nur 60 und 40 Fische haben). Andererseits ist bei 200 Vögeln die Gefahr groß, von einem kleckerekligen Möwenschiß getroffen zu werden. Zwei Stunden haben die Angler bis zur Landung noch Zeit, die Fische zu schlachten. Bernd hat wieder Publikum, das seine Art, Dorsche zu filetieren, bewundert.

Angler Bernd Richters auf der „Christa"

Die Dorsche werden auf einer langen Schlachtbank ausgenommen und meistens filetiert. Gierig warten die Möwen schon auf die Reste.

 

14:10 Uhr Einer ist wütend

Kapitän Toni mag es ja gar nicht sagen. Der Ost-wind… „Ab Mittag, als praktisch nichts mehr gefangen wurde, standen wir direkt über Massen von Dorschen. Das war im Echolot genau zu sehen. Bin ich vielleicht sauer auf meine Dorsche!“ Wir gehen nach achtstündiger Fahrt von Bord. Wer sich wie Bernd früh einen Platz gesichert hat, war 12 Stunden auf der „Christa“. Das Ergebnis ist mager. Bernd Richters hatte kein Glück, doch hat er gezeigt, was Können aus-macht. Mit sechs Dorschen hat er die meisten Fische gefangen.

 

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