Kurt Meyer-Rochow an der Este in Niedersachsen

Kurt Meyer-Rochow an der Este in Niedersachsen

Artikel von Angelstunde in Meister-Angler


Kleine Forellenbäche wie die Este gehören zu den schwierigsten Angelrevieren, sagt Kurt Meyer-Rochow, der zu den Angler-Persönlichkeiten Deutschlands zählt

Kurt Meyer-Rochow, es ist Anfang September, und seit Tagen hat es in der Lündeburger Heide geregnet. Der Bach führt daher viel Wasser, und Meerforellen sind aufgestiegen. Doch heute scheint die Sonne vom strahlend blauen Himmel, die Heide blüht. Mit 16 Grad ist die Luft um elf Uhr angenehm warm. Für einen Waldspaziergang wäre das Wetter ideal, zum Fischen nicht, denn ein zarter Nordwestwind und die Sonne auf dem Wasser schrecken die Forellen.

 

Kurt Meyer-Rochow

 

 




Kurt Meyer-Rochow wurde 1922 in Bremen geboren, wuchs in Texas auf und hat dort als Kind zum ersten mal geangelt. Er gewann 1956 die deutsche Meisterschaft im Spinner-Weitwurf 7,5 g mit einer Eigenbau-Tonkinrute: 94,02 m, war Hamburger Vize- und Meister in Fliege weit, Spinner skish. Von 1968 bis 1986 baute er die Firma „Witt & Führmann“ zu einem der größten Unternehmen der Angelbranche aus. Die Firma heißt heute SNAP. Er ist Vorsitzender der „Naturschutzgemeinschaft Solmonidenfreunde e.V.“ Er hat in den 50er Jahren als erster die Wiedereinbürgerung der Meerforelle mit eigenem Bruthaus vorangetrieben.

 

11.20 Uhr Indianer-Fischen

Die Este fließt durch ein kaum bebautes Landschaftsschutzgebiet. Mischwälder, Wiesen, Koppeln: Es ist ein märchenhaftes Revier, wo uns Eisvogel, Dompfaff und Grünspecht begleiten.

Der Forellenbach ist hier zugewachsen, verschwindet fast im Dickicht. Weil das Wasser meist über Heidesand fließt, ist der Fischbestand gering. Wer Fische fangen will, muß durchs Dickicht schleichen wie ein Indianer. Kurt Meyer-Rochow kennt die Este seit über 45 Jahren. Es ist sein fluß.

Der Oberlauf wird heute von 30 aktiven Mitgliedern einer Naturschutzgemeinschaft bewirtschaftet. Deshalb ist dies auch die Geschichte eines Mannes, der den Kampf für das Weiterbestehen eines naturnahen Lebensraumes gewonnen hat.

Kurt Meyer-Rochow wird heute seine bestgehüteten Geheimnisse im Fliegen- und Spinnfischen verraten. Er fischt mit einer 2,40 m langen FliegenruteKurt Meyer-Rochow und einer absichtlich umgekehrt aufgespulten sinkenden WF-5-Schnur. Am 40er Vorfach sitzt eine Naßfliege der Größe 4, die, so Kurt Meyer-Rochow, „aussieht wie Dreck“. Mit dieser Fliege hat Kurt in einer Saison 13 der 25 von ihm gehakten Meerforellen landen können.

„Das 40er Vorfach ist nötig, um eine Meerforelle im schmalen Bach zu halten“, sagt Kurt. Im Gegensatz zur Bachforelle steigt die Meerforelle nur zum Laichen in die obere Este auf. Sie nimmt dabei keine Nahrung mehr zu sich, hat aber noch den Beißreflex. Kurt beginnt, flußab zu fischen. Die Este ist 2 bis 5 m breit, 10 cm bis 1,50 m tief und kaum begehbar. Kurt kann nur einen Flitzbogenwurf ausbringen. Dann füttert er vorsichtig Schnur nach. Das ist einer seiner Tricks.

 

11.45 Uhr Kurts Geheimnis

Bis zu 8 m Schnur sind jetzt nachgefüttert. Die Rute arbeitet wie ein Dirigentenstab in Zeitlupe, schreibt bierdeckelgroße Kreise in die Luft, zittert, läßt die Fliege zucken wie die Puppe eines Marionetten-Spielers. Kurt steht in den Blättern einer Eiche verborgen, die Rutenspitze zeigt aufs Wasser, die Fliege tanzt im Gumpen.

Es sieht so aus, als würde der Angler mit einem verlängerten Zeigefinger jemanden an der Nase kitzeln wollen. Dabei sind es nur ganz kleine Bewegungen, die den Reiz ausmachen. „Reine Filigranarbeit. Durch das Zucken legt die Fliege immer wieder ihren Hechelkranz an. Meerforellen und Äschen fallen darauf herein, ganz selten Bachforellen“, sagt er. Hat Kurt den Gumpen so abgetastet, wird die Fliege zentimeterweise eingezogen.

 

Kurt Meyer-Rochow Kurt Meyer-Rochow steht mit der Spinnrute am Ufer der Este. Seine grüne Kleidung tarnt ihn zwischen den Bäumen und Büschen.

 

 

 

 

 

 

 

 

12.06 Uhr Der Gegenbeweis

Es ist die hohe Schule am kleinen Bach. Kurt sieht die Fliege jetzt nicht. Sie ist weit weg am Grund. Er spürt sie im Zeigefinger, der auf dem Rutengriff liegt – und in der linken Hand, die vorsichtig die Leine heranzupft. Vom Angler sieht man hinter dem Baum nur Rute, Hände und die dunkle Polarisationsbrille, die die Reflexe von der Wasseroberfläche nimmt und so den Blick ins Wasser ermöglicht.

Plötzlich beißt im tiefen Gumpen eine Bachforelle; Kurt Meyer-Rochow hat nicht damit gerechnet, muß den eingeklemmten Kescher mit den Zähnen aus dem Köcher ziehen. Dann wird der Bachforellen-Milchner von 342 g versorgt. Die Sonne kommt hier und dort durch das dichte Blätterdach, wirft goldene Flecken ins moordunkle, klare Wasser. Kein Fisch steigt, keine Insekten schlüpfen, es ist auch kein flüchtender Fisch zu sehen, die Angelbedingungen werden immer noch nicht besser. Deshalb freut Kurt sich über die frühe maßige Bachforelle.

 

Die Meyro-Fliege

Kurt Meyer-RochowDies ist eines der Geheimnisse von Kurt Meyer-Rochow, eine Fliege, die nach seinem Namen benannt ist, die Meyro-Fliege. Es ist eine Fliege nur für die Meerforellen-Fischerei. Sie wird auf einen Haken von etwa 3 cm Länge gebunden.

Statt Bindeseide nimmt Kurt dünnen Kupferdraht zum Wickeln, weil die Fliege beschwert sein muß.

Der Körper der Fiege ist mit goldenem Tinsei gewunden.

Am Kopf der Fliege ist eine cremefarbene weiche Hennenhechel. Der Körper der Fliege soll nicht ganz bis zum Ende des Hakenbogens gebunden sein; die Fliege hakt so besser im Fischmaul.

Die Meyro-Fliege wird beim Fischen so geführt, daß sich der Hechelkranz immer wieder an den Körper anlegt. Es ist eine Führungstechnik, die dem Naßfliegen- und dem Lachsfischen verwandt ist. Form und Führungstechnik machen die Meyro-Fliege so erfolgreich.

 

Kurt Meyer-RochowAn dieser Stelle ist die Este fast völlig zugewachsen. Kurt läßt die Meyro-Fliege abtreiben. Einen Wurf hat er nicht ausbringen können. Diese Art des Fischens wird Tipfischen genannt.

 

 

 

 



 

 

13.10 Uhr Grauer Himmel

Der Himmel hat sich zugezogen. Es beginnt zu regnen, aber nur wenige dicke Regentropfen kommen durch das dichte Blätterdach. Kurt wechselt von der sinkenden auf eine weiße schwimmende Schnur, weil sie besser zu sehen ist. Wann beißen die Meerforellen am besten? „Im Mai/Juni. Es gibt keine festen Beißzeiten am Tag. Gut ist es immer nach einem Gewitter und in schwülfeuchter Luft.

Bachforellen beißen früh morgens und in der Abenddämmerung am besten“, sagt Kurt Meyer-Rochow. Das sind viele Jahre Este-Erfahrung, die sich auch heute bestätigen werden.

 

Kurt Meyer-RochowHier keschert Kurt Meyer-Rochow eine Bachforelle, die er mit der Meyro-Fliege gefangen hat, obwohl die Fliege eigentlich nur für Meerforellen gedacht ist. Es war der erste Fang des Tages an der Este.

 

 

 




 

 

13.40 Uhr Aprilwetter

Jetzt strahlt die Sonne wieder. 17 Grad Lufttemperatur. Wasser 11,5 Grad. Eine Luft wie Samt und Seide. Kurt Meyer-Rochow hat in gut zwei Stunden eine Strecke abgefischt, die man auf dem nahen Waldweg in einer Minute zurücklegt. Er fischt einen Streamer der Größe 4, ein Eigenbau- Modell mit dunklem Körper und zwei hellen Hecheln.

Nach einem Rollwurf wird die Schnur wieder verlängert. Dabei schwenkt die Rutenspitze nach rechts und links; so legt sich die Leine immer neu neben die Hauptströmung, pendelt hin und her. Alles geschieht mit größter Gelassenheit. „Beim Meerforellenfischen ist Geduld alles. Oft beißt die Meerforelle erst beim zwanzigsten Durchziehen“, sagt Kurt Meyer-Rochow.

 

Kurt Meyer-RochowWeit vorgebeugt läßt Kurt hier den Meyro-Blinker in der Strömung spielen. Dabei wird der Blinker langsam zum Ufer gezogen.

 

 

 

 



 

 

14.30 Uhr Zweites Geheimnis

Kurt Meyer-Rochow macht Pause. Schnell eine Banane gegessen, dann wird eine namenlose Spinnrute mit 35er Schnur montiert. Gerätschaften mit klingenden Namen sind für ihn nicht wichtig.

Und nun kommt’s: ein selbstgebauter Weidenblatt-Blinker mit asymmetrischen Löchern. „Ich habe mich in die Badewanne gelegt und mit dem Ohr meine Blinker geprüft.

Springringe im Blinker klappern. Das schreckt Fische ab. Ich fische immer ohne Wirbel. Den Springring ersetzt ein dünner, verdrehter Stahldraht. Das klappert nicht“, sagt Kurt Meyer-Rochow. Das Frontloch des Blinkers ist geglättet, ohne Wirbel wird die Schnur dort angeknotet. Warum hat er seine Geheimnisse als Gerätehändler nicht vermarktet?

„Ich wollte immer anders als die anderen fischen. Die Fische kennen einfach zu viele Fabrikblinker“, sagt er. Doch in den verschmitzt lächelnden Augen ist zu lesen: Es macht ihm Spaß, besser als die anderen zu sein. Lange hat Kurt überlegt, bis er sich entschloß, seine Tricks preiszugeben.

Sein Weidenblatt-Blinker ist im Forellenbach eine Sensation. Er zuckt und zappelt in der Strömung, ohne sich um die eigene Achse zu drehen. Wie kommt das? „Der Blinker ist vorn mit ein paar Tropfen Lötzinn beschwert. So liegt er immer waagerecht im Wasser und schwänzelt nur mal nach rechts, mal nach links.“ Er sieht wirklich aus wie ein flüchtender oder kranker Fisch, besonders weil eine Seite des Messingblechs mit Silberbronze (Felgenlack) gestrichen ist. Der Drilling hat keine Widerhaken.

 

Der Meyro-Blinker

Kurt Meyer-RochowAuch der Meyro-Blinker ist dem Namen von Kurt Meyer-Rochow nachempfunden. Er wird selbstgebastelt. Der Trick: Der Kopf des Blinkers wird mit Lötzinn beschwert. Dazu wird das Metall des Blinkers vorher erhitzt. Durch die Beschwerung am Kopf läuft der Blinker im Wasser waagerecht. Der Blinker hat die Form eines Weidenblattes.



 

 

Kurt Meyer-RochowEin anderer Trick von Kurt: Statt eines Springringes hat Kurt den Drilling mit einem Stahldraht befestigt. Der Draht wird zum Ring gebogen und verdrallt. Vorteil: Der Blinker macht im Wasser weniger Geräusche.

 



 

 

15.10 Uhr Nachläufer

Es ist ein Genuß, dem ehemaligen Meister-Caster beim Wurf zuzuschauen. Kurt macht nur Unterhand – und Pendelwürfe, die den Blinker nicht zu laut aufklatschen lassen. Mit dem Pendelwurf fliegt der Blinker leicht unter Bäume und tiefhängende Zweige, dorthin, wo die größeren Forellen stehen. Kurt wirft kein einziges Mal daneben und fischt jetzt ein Este-Stück, das wenig bewachsen ist. Ein paar Nachläufer und Forellen, die „hassen“: Das heißt, sie stoßen nur gegen den Blinker, um den vermeintlichen Fisch zu vertreiben.

 


Dabei hakt Kurt eine Bachforelle von außen und ärgert sich. Auch das Blinkerfischen geht ganz ruhig voran. „Den Blinker kann man sogar in der Strömung stehen lassen.“ Wieder landet er weit unterhalb eines Gumpens. Eine Forelle war dort gestiegen. Der Fisch beißt, verpaßt aber. „Meyer, konzentrier dich“, schimpft Kurt.

 

Kurt Meyer-RochowDiese Forelle ist falsch gehakt und wird zurückgesetzt. Weil der Blinker nur leicht durch die Haut gehakt hat, ist der Fisch kaum verletzt.

 

 

 

 




 

 

15.55 Uhr Der zweite Fisch

Weiter flußab. Wir sind jetzt in einem offenen Mischwald. Die Sonne fällt schräg ein – eine märchenhafte Stimmung. Kurt entschließt sich, länger als die geplanten fünf Stunden zu fischen. „Auch wenn die Meerforellen nicht beißen, es ist heute zu schön.“ Nach dem Wechsel auf einen kleineren Weidenblatt-Blinker des gleichen Typs fängt Kurt sofort eine Bachforelle von 224 g. Es folgen weitere Fische, aber sie sind klein und untermaßig.

Ein plötzlicher schwerer „Biß“ ist etwas ganz anderes: Kurt hat mit dem Drilling einen dicken Karpfen von außen kurz gehakt. „Deshalb fische ich in so kleinen Bächen wie der Este eigentlich nur mit der Fliege“, sagt er. Denn mit der Fliege werden die Fische nicht so leicht gehakt wie mit dem Drilling. Sie werden mit der Fliege auch kaum verletzt.

Wieder fliegt der Blinker stromab. Kurt läßt ihn in der Strömung stehen, zieht ihn dann zum Ufer in ein tiefes Loch. Er kurbelt so langsam, daß man es kaum merkt. Die Rücklaufsperre ist abgeschaltet. Er kann so den Blinker wieder abtreiben lassen.

„Wenn ich den Blinker abtreiben lasse, bewirkt das Gewicht am Kopf, daß er in der Strömung praktisch umgedreht arbeitet. Ich könnte sogar stromauf werfen und mit der Strömung den Blinker heranziehen. Die Schnur muß nur dünn genug sein, damit es keine Perücken gibt. Ich nehme dann die 18er Schnur.“

 

16.30 Uhr Mehr Bisse

Die Bachforellen „sind jetzt draußen“, wie Kurt sagt. Es gibt mehr Bisse, mehr Nachläufer. Noch immer scheint die Sonne prächtig, es ist warm im Wald. „Da unten kommen noch ein paar Kurven“, schwärmt Kurt, „da kann man nicht vorbeigehen.“ Viele Teile der Este liegen schon im Schatten. In einer dieser dunklen Ecken fängt Kurt eine Bachforelle von 244 g, die er abschlägt. Drei Bachforellen sind es insgesamt an diesem Tag. Das ist ein guter Fang, auch wenn die gewünschte Meerforelle nicht dabei ist.

 

Kurt Meyer-RochowÜber diese herrlich gezeichnete Heide-Forelle freut sich ‚ Kurt. Es ist ein Bachforellen-Milchner von 342 g, der mit der Meyro-Fliege gefangen wurde. Diese Bachforlle gehört zu dem ursprünglichen Forellen-Stamm, den der Verein der Salmonidenfreunde im Bruthaus nachzüchtet.

 

 

 




 

 

Die Este

Die Este ist ein typischer Heidebach, zu dem eine Reihe recht langer Quellbäche gehört. Sie mündet bei Hamburg in die Eibe. Zahlreiche Fischtreppen ermöglichen Forellen den Aufstieg bis weit in den Oberlauf der Este. Der schöne Bach fließt in weiten Bereichen durch ein Landschaftsschutzqebiet.

Der Gewässergrund ist sandig. Der Bach ist deshalb recht nahrungsarm. Wegen der Umweltverschmutzung gibt es nur noch vereinzelt Maifliegen, Köcherfliegen und Bachflohkrebse. Grober Kies als Laichgrundlage befindet sich in genügender Menge nur in den Nebenbächen. Die Este-Fischer hoffen, daß neue und modernere Klärwerke helfen, die Wasserqualität zu verbessern.

Die 18 km Este-Oberlauf werden von der „Naturschutzgemeinschaft Salmonidenfreunde e.V.“ bewirtschaftet. Der Verein erbrütet den ursprünglichen Bachforellenstamm, schafft künstliche Laichbetten, setzt Meerforellen, Bachforellen und Äschen aus. Der Verein hat Nisthilfen für Meisen, Steinkäuze und Eisvögel geschaffen. Der Eisvogel ist an der Este inzwischen wieder heimisch geworden. Dutzende von Eisvögeln leben an der Este. Es gibt eine Strecke nur für Fliegenfischer. Das Fischen ist eingeschränkt. Die gesetzlichen Mindestmaße und Schonzeiten werden weit überboten. Es gibt Wat- und Widerhakenverbot.

Der anglerische Erfolg ist dünn: Die aktiven Mitglieder entnehmen im Schnitt je drei bis fünf Salmoniden pro Jahr. Der Erhalt und die Bewachung des Lebensraumes an der Este stehen im Vordergrund.