Flugangler Bob Church (Flugangelexperte) am Grafham Water

Flugangler Bob Church (Flugangelexperte) am Grafham Water

Artikel von Angelstunde in Meister-Angler

Flugangler Bob Church, Flugangelexperte und Spezialist für stehende Gewässer, besucht ein Revier, das für seine guten Regenbogenforellen bekannt ist

Flugangler Bob Church am Grafham Water. Ein wenig niedergeschlagen wirken sie schon, die Forellenangler, die sich mit deutlich gedämpfter Saisonstart-Euphorie in das „Fishing Lodge Restaurant“ am Grafham Water zurückgezogen haben. Offenbar haben sie seit dem Morgengrauen jede erdenkliche Technik und jedes Muster ausprobiert – doch mit wenig Erfolg.

Flugangler Bob Church (Flugangelexperte) am Grafham Water


Flugangler Bob Church am Grafham Water

Flugangler Bob Church spaziert herein, bestellt sich eine Tasse Tee und beginnt mit einem deutschen Gastangler, den er noch nie gesehen hat, über Fliegen und Angeltaktiken zu diskutieren. Ganz liebenswürdig und trotz der vielen langen Gesichter zuversichtlich erklärt er, dass er mit einem guten Angel Tag rechne. Wir trinken unseren Tee aus und bauen einen wahren Berg von Angelgeräten zusammen.

Flugangler Bob Church (Flugangelexperte) am Grafham Water

Eine Regenbogenforelle biegt Bobs Rute kräftig durch. Auf dem Foto sieht man ganz deutlich, wie er die Schnur mit der linken Hand lenkt, wehrend er sie mit der rechten festhält – auf diese Weise hat er sie sicher im Griff.

 

10:00 Uhr Montage des Geräts

Es weht ein frostiger Nordwind, und der graue Himmel wird nur sporadisch von einigen kleinen, blauen Stellen aufgelockert. Bob fädelt eine sehr schnell sinkende WF8-Schnur durch die Ringe seiner 10 1/2 ft (3,2 m) langen Rute. Dann befestigt er ein 2 m langes Stück Schnur von 2,7 kg Tragkraft am Ende der Sehne. Ein 60 cm langes Stück Schnur von 8,1 kg Tragkraft, das die Fliegenschnur mit dem Vorfach verbindet, endet mit einer Schlaufe, damit Bob das Vorfach schnell wechseln kann.

Schließlich nimmt er ein weiteres Stück Schnur von 2 m Länge und 2,7 kg Tragkraft und verbindet beide mit einem Wasserknoten mit vier Windungen, wobei ein Stück von 15 cm Länge für die Springer-Fliege (genannt „Dropper“) frei bleibt. Auf diese Weise kann Bob mit zwei Fliegen am Vorfach fischen – so wie es in England gelegentlich gemacht wird. Zu Saisonbeginn eignen sich große, leuchtend grüne oder orangefarbene Nymphen und Ministreamer am besten. Man muss sie tief und langsam führen, aber nicht zu tief. An das Spitzen stück knüpft Bob eine „Black and Green Tinhead“ (Größe 10) während er an der Springer-Schnur einen orangefarbenen Streamer (Größe 10
anbindet.

Eines besitzt Flugangler Bob Church wahrlich zu Genüge, und das sind Fliegen. Er hat unzählige Schachteln mit allen nur erdenklichen Formen, Farben, Ausführungen, Variationen, Materialien. Für absolut alles, was da kreucht, fleucht und schwimmt, hat er eine Imitation, ob mit sechs oder acht Beinen. „Man muss immer gut vorbereitet sein“, witzelt er fast ein wenig ernst.

Flugangler Bob Church (Flugangelexperte) am Grafham Water

Meisterangler Bob Church aus Northampton stellt Fliegenruten und anderes Angelgerät her. Mit der englischen Nationalmannschaft hat er bei verschiedenen Weltmeisterschaften bereits Gold-, Silber – und Bronzemedaillen gewonnen. Er hat Bücher über die Fliegenfischerei und das Fliegenbinden geschrieben und ist bekannt für seine Geschicklichkeit an Talsperren. Grafham und Rutland sind zwei seiner Lieblingsgewässer.

 

 

10:30 Uhr Eine erste Kontrolle

Wir fahren mit dem Boot 50 m weit hinaus, um die Wasserbedingungen zu überprüfen. Flugangler Bob Church taucht die Rutenspitzeins Wasser, um zu sehen, wie klar es ist. Flaschengrün, sagt er, mit etwa 15 cm Sicht. Deshalb hat auch kein Mensch etwas gefangen. Für alles gibt es einen Grund.

Bei solchen Bedingungen, wenn der Fisch die Fliegen nicht richtig sehen kann, sucht Bob lieber selbst die Fische und deckt einen möglichst großen Bereich ab, als zu warten, bis die Fische zu ihm kommen.

Flugangler Bob Church (Flugangelexperte) am Grafham Water

Bob empfiehlt zum Treibangeln einen „Drogue“ (Unterwasserschirm), der das driftende Boot bei starkem Wind abbremst. Man befestigt ihn an einer 1 m langen Schnur und bindet diese am Bootsrand fest. „Drogues“ gibt es vor Ort am Grafham Water.

 

11:00 Uhr Zeit für den Drogue

Die meisten Angler fischen Anfang April zu tief, sagt Bob. Dort, wo wir jetzt hinfahren, gibt es eine flache Erhebung von 3-3,5 m Wassertiefe. Direkt vor Gaynes Cove setzt er den „Drogue“ aus, eine Art Unterwasserschirm. Der bewirkt, dass das Boot nicht so schnell abtreibt.

Flugangler Bob Church beginnt an der dem Wind abgekehrten Seite zum Ufer hin zu angeln. Für den Drogue sollte man nicht Zuviel Schnur verwenden, bei mehr als einem Meter beginnt das Boot nämlich zu schlingern. Er wirft aus, streckt rasch die vom Wind gebogene Schnur und taucht seine Rutenspitze direkt ins Wasser, so dass eine gerade Linie zur Fliege hin entsteht. Als Anschlag genügt dann ein einfaches Anheben der Rutenspitze. Manch einer gibt die Hoffnung zu schnell auf, ist enttäuscht und kommt dann nie mehr hierher. Geduld ist in diesem Sport entscheidend, betont Bob.

Flugangler Bob Church begann 1966 am Grafham Water zu angeln. 1965 war die Talsperre mit einpfündigen Regenbogenforellen besetzt worden. Schon 1966 waren die Forellen auf durchschnittlich 1,6 kg abgewachsen. Daphnien (Wasserflöhe), Stechmücken und sonstige Insekten sowie die zahlreich vorhandenen anderen Fischarten sorgen für einen guten Forellenbestand.

 

Bobs Fliegenauswahl

Flugangler Bob Church (Flugangelexperte) am Grafham Water

Oben, von links nach rechts: Silver Invicta (Gr. 8-14); Partridge & Orange Nymph (4-12); Oamsel Nymph (6-14); Jack Frost (6-10); Cat’s Whisker (6-10); White & Pearl Zonker (6-10); Oog Nobbler (6-10); Appetizer (6-10).

Unten, von links nach rechts: Red Tag (12-16); Suspender Buzzer (10-14); Claret Midge (10-14); Green Biot Nymph (10-16); Hawthorn Fly (10-14); Iven’s Green and Brown (10-14); Black Chenille (6-10).

 

11:30 Uhr Hungriger Zweipfünder

Wir treiben etwa 25 m vom Ufer an einer Stelle, die laut Bob am Grund mit Zweigen und Ästen übersät ist, und schon hakt er eine Regenbogenforelle. Der Fisch peitscht die Wasseroberfläche, stellt sich auf die Schwanzflosse und schüttelt den Kopf hin und her, um die tief im Maul sitzende Tinhead loszubekommen – der Fisch muss also hungrig gewesen sein und war nicht zum Spaßen aufgelegt. Er stellt sich als Zweipfünder heraus.

Nach dem Keschern des Fisches bewegen wir uns vom Ufer weg, fahren wieder hinaus, um uns noch einmal abtreiben zu lassen. Damit er nicht über die beabsichtigte Treibfläche hinwegfährt, schlägt Bob einen weiten Bogen und bringt dann das Boot in Position.

Es heißt oft, an einer Talsperre müsse man nicht sehr weit auswerfen. Das stimmt ganz einfach nicht. Je weiter man wirft, desto eher fängt man einen Fisch. Bei jedem Wurf lässt Bob die gesamte Fliegenschnur heraus, plus einige Meter Rückschnur.

Flugangler Bob Church ist der Meinung, dass sich die Fische bei derartigen Bedingungen lieber in unmittelbarer Ufernähe aufhalten und nicht sehr weit hinausschwimmen. Nur wenige Angler fischen vom treibenden Boot aus, die meisten „ankern über leerem Terrain“. Wie Bob schon zuvor gesagt hat: Heute kommen die Fische nicht zum Angler, deshalb muss er zu ihnen kommen. Einige weitere Würfe ergeben noch einen Biss. Eine große Regenbogenforelle springt in Bootsnähe aus dem Wasser, taucht zu einer tiefen Flucht an und zerreißt schließlich Bobs Vorfach.

Flugangler Bob Church (Flugangelexperte) am Grafham Water

Das Fangen und Keschern ist bei Bob fast schon zum Reflex geworden. Hier wird eine weitere hervorragende Regenbogenforelle mühelos über den Kescher geführt.

 

11:50 Uhr Ermutigende Zeichen

Die Sonne gibt sich ein Stelldichein, und der Wind ist viel ruhiger. Alles in allem ist es jetzt recht mild. Bob schaut angestrengt ins Wasser und sieht einen „Buzzer“ (eine Stechmückenpuppe) in Bug nähe auf der Wasseroberfläche schwimmen. Dies ist ein ermutigendes Zeichen, vielleicht kommen die Forellen dadurch in Freßlaune. Hin und wieder bleibt seine Schnur an Treibgut hängen, doch er fischt langsam am Grund weiter, bis schließlich eine Regenbogenforelle auf den orangefarbenen Streamer losgeht. Der Fisch ist klein, etwa ein Pfund schwer, und kann mühelos gelandet werden.

Flugangler Bob Church (Flugangelexperte) am Grafham Water

Mit einem großen Teleskopnetz macht Bob nach geduldigem Kampf eine Regenbogenforelle dingfest. Nach einem langen, harten Winter sind viele Forellenangler im März und April ganz aus dem Häuschen. Viele verlorene Fische gehen auf das Konto von voreiligem Zittern und Rucken – wer den Kampf forciert, riskiert einen Schnurbruch oder eine aus dem Forellenmaul gerissene Fliege.

 

13:00 Uhr Gemischter Fang

Flugangler Bob Church setzt zu einem Doppelzug an, um seine gesamte Fliegenschnur herauszubekommen, dann wartet er etwa eine Minute ab, damit die Fliegen absinken können. Als er mit dem Einholen beginnt, bekommt Bob einen Biß und hakt den Fisch sicher. Die Forelle flüchtet in Richtung Ufer und zieht noch mehr Schnur ab. Es macht sicherlich Spaß, einen Fisch zu drillen, der viel Schnur abgezogen hat, aber man kommt auch leicht in Versuchung, den Drill zu rasch zu forcieren und riskiert so den Verlust des Fisches. Mit der Präzision eines Uhrwerkes geht die Rute nach hinten, wird das Netz vorbereitet, die Forelle darüber geführt und schließlich gekeschert.

Der Wind frischt wieder auf, und Flugangler Bob Church beschließt, das Vorfach um etwa 60 cm zu kürzen und den Streamer am Springervorfach durch eine gelbe Cat’s Whisker zu ersetzen. Obwohl ein langes Vorfach die Fliege von der Fliegenschnur weghält, ist das Werfen bei auflebendem Wind sehr schwierig. Bei dem schmutzig grünen Wasser spielt die Vorfachlänge keine so große Rolle wie im Sommer. Die Uferangler packen unterdessen zusammen und haben offensichtlich keine Lust mehr, mit aller Kraft gegen den stürmischen Wind anzuwerfen.

 

Bob führt die Angel langsam am Grund entlang, und wieder einmal erweist sich sein Streamer als überaus verlockend.

Eine Bachforelle nimmt ihn und rast davon. Bob gibt ihr Schnur und bremst die Rolle mit der Handfläche. Es folgt ein zäher Kampf, den der Fisch schließlich verliert. Nach einer letzten Flucht verlassen den Fisch die Kräfte, und er gleitet über den Kescher – eine 1,6 kg schwere Bachforelle.

Bob untersucht den Mageninhalt des Fisches mit einem Marklöffel; dabei kommen einige halbverdaute Rotaugen zum Vorschein. Bob glaubt, dass die größeren Forellen gemerkt haben, dass sie schneller von einem Brutfisch als von zwei Dutzend winzigen Insekten satt werden.

Es ist Zeit weiterzuziehen. Man kann einen Bereich auch überfischen oder überstrapazieren. Wenn es dort unten noch Fische gibt, haben wir sie wahrscheinlich misstrauisch gemacht.

Flugangler Bob Church (Flugangelexperte) am Grafham Water

Bob untersucht mit einem Marklöffel den Mageninhalt dieser Bachforelle und findet mehrere Rotaugen. Das Grafham Water ist reich an Fischnährtierchen (zum Beispiel Stechmücken, Daphnien und Bachflohkrebsen) und Nichtedelfischen (Rotaugen und Barsche). Seit 1965 wird der See regelmäßig mit Bach- und Regenbogenforellen besetzt.

 

14:15 Uhr Höchste Konzentration

Der Himmel ist wieder bedeckt. Bob möchte eine andere Technik probieren und beschließt, auf der Seite bei der Sludge-Lagune zu ankern. In diesem Bereich gibt es viele Boote, und einige Angler fangen auch Fische. Bob glaubt, dass sich ganz in der Nähe eine Fischschule aufhält.

Er holt ein und schaut konzentriert auf die Rutenspitze. Beim feinsten Ziehen nimmt er rasch die Rute hoch und schlägt an. Man braucht viel Konzentration und jahrelange Erfahrung, um solche unscheinbaren Bisse zu erkennen.

Eine Regenbogenforelle von 0,7 kg nimmt den Streamer. Der Fisch will einfach nicht aufgeben, schwimmt über den Kescher hinweg und wieder davon. Bob gibt Schnur, lässt den Fisch müde werden und schiebt schließlich den Kescher darunter.

Wir fischen noch einige Stunden lang, doch ohne weiteren Erfolg. Die heftigen Frühjahrswinde malträtieren uns auf der riesigen Wasserfläche, und nach einem trotz der widrigen Umstände guten Fang beschließt Bob, das Fischen einzustellen.

Flugangler Bob Church (Flugangelexperte) am Grafham Water

Diese an der Lippe gehakte, überwinterte Bachforelle von 1,6 kg Gewicht ist typisch für das Grafham Water. Die Bisse können zu Saisonbeginn sehr zaghaft sein, verglichen mit den rasanten Sommerbissen. Um vorsichtige Bisse zu erkennen, muss man über viel Erfahrung verfügen und sehr feinfühlig sein, da man den Anschlag mit einem blitzschnellen Reflex setzen muss.

 

Taktiken der Saison

Wenn die Fische im April nahe am Ufer stehen, eignet sich eine schnell sinkende Schnur mit kurzem Vorfach und einer „Booby Nymph“, die knapp über dem Grund schwebt. Im Sommer, wenn die Fische im tiefen Wasser stehen, sind schwimmende Schnüre und lange Vorfächer angesagt.

Ans Vorfachende knüpft man einen Streamer oder eine bebleite Nymphe als Brutfischimitation, damit das Vorfach tief absinkt. Mit zwei Nymphen an Springer-Vorfächem (ähnlich Paternoster-Schnüren) kann man verschiedene Tiefenbereiche abfischen. Der Herbst ist die Zeit der großen Schnaken und der harten, typischen Spätsommerbisse. Dann empfiehlt sich ein Vorfach von 3,7 m Länge mit mindestens 2,7 kg Tragkraft.

Flugangler Bob Church (Flugangelexperte) am Grafham Water

Während die Sonne allmählich hinter der Sludge-Lagune untergeht, zeigt Meisterangler Bob Church einen trotz so vieler widriger Umstände ausgezeichneten Tagesfang vor. Vier Regenbogenforellen und eine Bachforelle von 1,6 kg hat er an diesem Tag gefangen, die er uns nun stolz präsentiert.